Interview

MEHR ALS NUR EIN INCUBUS-KLON

AUDIOVENT
15.10.2002, Hamburg, Logo

Am Nachmittag des 15.10. haben Sabine und Marten von Hoersturz.net es sich mit Bassist Paul Fried und Gitarrist Einziger im Tourbus von AUDIOVENT gemütlich gemacht, um ein nettes Interview zu führen.

Wie lange gibt es AUDIOVENT jetzt schon?
Paul Fried: Wir machen diese Band jetzt schon seit ungefähr 10 Jahren.

Warum habt ihr damals euren Bandnamen von VENT in AUDIOVENT geändert?
Paul Fried: Wir haben damals noch unter dem Namen VENT unsere erste Platte ?Papa´s Dojo? aufgenommen. Und als wir dann den Plattenvertrag bekamen, gab es schon andere Bands mit dem Namen VENT, also mussten wir uns umbenennen. Aus VENT wurde AUDIOVENT.

Was habt ihr vor AUDIOVENT gemacht?
Ben Einziger: Wir sind viel gesurft und geskatet, Klavier gespielt hab
ich auch.
Paul Fried: Und viel ferngesehen und Nintendo gespielt.
Ben Einziger: Videogames spielen wir immer noch viel.

Habt ihr vor VENT bzw. AUDIOVENT in anderen Bands gespielt?
Ben Einziger: Nö, das ist unsere erste Band.

Wann war der Moment als ihr wusstet, dass Ihr von Musik leben wollt?
Paul Fried: Also bei mir fing das schon an als ich klein war. Ich hab schon immer Musik und die Gedanken dahinter geliebt, konnte aber kein Instrument spielen. Ben ist mein Stiefbruder und als ich dann bei Ben
und seiner Mutter eingezogen bin, sagte seine Mutter zu mir: Wenn du bei uns lebst musst du ein Instrument lernen. Also lernte ich, Bass zu spielen.
Ben Einziger: Es richtig ernst zu nehmen und vielleicht eine professionelle Karriere starten zu können, daran haben wir eigentlich erst gedacht, als wir gelernt haben unsere Instrumente richtig zu
spielen. Wir haben als Band fast 3 ½ Jahre gebraucht, um zu lernen, wie man einen Song konstruiert. Als unsere musikalischen Fähigkeiten dann immer besser wurden, dachten wir, dass wir das gern professionell machen würden und auch packen könnten.

Was waren damals eure musikalischen Einflüsse?
Ben Einziger: Wir hatten alle sehr verschiedene Einflüsse. Als ich anfing Musik zu hören hab ich sehr viel Metal gehört, wie Metallica, Slayer, Pantera, Megadeath, usw. Im Metal liegen eigentlich meine
Wurzeln.
Paul Fried: Ich hab viel Rap und Soul gehört. Im Prinzip bin ich mit Michael Jackson aufgewachsen, ich liebte es zu Thriller und so zu tanzen, da war ich 4 oder 5 Jahre alt.
Ben Einziger: Michael Jackson war mein erstes Konzert...
Paul Fried: Aber später hab ich dann Guns´n Roses gehört, Ben hat mir Metallica vorgespielt und wir sind dann zusammen zu unserem ersten Metallica-Konzert gegangen.
Ben Einziger: Und als wir dann ca. 1993 die Band gründeten, kam auch Nirvana und die ganze Grunge-Szene raus und das hat mich auch sehr geprägt, ich mag Kurt Cobain´s Songwriting sehr. Ich mag Soundgarden und Pearl Jam und das hat uns schon mit beeinflusst. Wir sind mit diesem
Einfluss auch als Band gewachsen. Als wir angefangen haben, haben wir uns, wie viele Bands auch, die gerade anfangen, mehr darum gekümmert, einzigartig zu sein. Wir haben also ein Haufen von nicht zueinander passenden Parts genommen und daraus Songs gemacht, die ca. zehn Minuten
lang waren. Das war schrecklich, richtig scheisse, aber wir hatten Spaß daran und uns war das egal, weil wir es nicht besser wussten. Dann haben wir angefangen, unserer Songwriting zu verbessern und unserer Schlagzeuger hat uns Bands wie die Beatles und Led Zeppelin vorgespielt,
die mit zu unseren Lieblingsbands wurden. Wir haben dann auch viel Pink Floyd und frühere David Bowie-Sachen gehört, was uns auch mit beeinflusst hat. Wir mögen auch viel Jazz, Funk und Soul, wie The
Meteors oder Stevie Wonder. Klassik hören wir auch gern, Igor Stravinsky, zum Beispiel. Es gibt einfach so viel Musik, die wir sehr heavy und heftig finden, das muss aber nicht gleich mit verzerrten Gitarren sein. Wenn ich Klassik höre, denke ich ab und zu, dass diese Komponisten einfach das heftigste an Musik geschrieben haben, was überhaupt möglich ist, es ist teilweise einfach genial.

Das stimmt. Man stelle sich Beethoven vor, der seine 9te Symphonie fast gehörlos komponiert hat.
Ben Einziger: Wirklich? Krass.
Paul Fried: Das Gefühl muss stimmen, jede kleinste Gefühlsregung, die Musik ausmacht, macht so viel möglich.
Ben Einziger: Ich denke jede Musikrichtung gibt dir irgendein Gefühl. Ich bekomme bei so vielen Bands, die es zur Zeit gibt aber nur ein steriles Gefühl, ich fühl so gut wie gar nichts wenn ich die höre.

Kannst du Beispiele nennen?
Ben Einziger: Ich möchte keine Bands nennen. Es gibt viele gute Rockbands und viele gute NuMetalBands und leider auch viel Bullshit. Es kommt darauf an, dass etwas ehrlich ist und aus deinem Herzen kommt. Nur dann kann es jemand anderes auch in sein Herz schliessen.

Was war eure erste Platte?
Ben Einziger: Meine erste Platte war glaube ich Mötley Crüe ? Shot the Devil. Dann kam glaub ich Metallica ? Kill´Em All.
Paul Fried: Mein erstes Stück Musik war ein Tape mit Guns´n Roses ? Appetite for Destruction.
Ben Einziger: War deine erste Platte nicht von NWA?
Paul Fried: Nö, der ganze Rap-Kram kam erst n bischen später.
Ben Einziger: Ja, Rap hören wir eigentlich auch ganz gern, aber mehr so die melodiösere Seite wie z.B. Jurassic Five oder De La Soul, die haben echt ganz clevere Ideen für Melodien und Reime.

 Könnt ihr mir den Titel eures neuen Albums erkären, ?Dirty Sexy Knights in Paris??
Ben Einziger: Vier Typen in einem Hotelzimmer, drei davon ziemlich stoned. Paul raucht kein Grass, ihr könnt euch also denken, wer die anderen drei Typen waren. Gegen 3.00 Uhr morgens lagen wir jenseits von Gut Und Böse im Bett und unserer Schlagzeuger sagte diesen Satz ?Dirty Sexy Knights in Paris?. Da
wussten wir einfach, dass das der Titel für unser Album sein muss. Der Titel macht absolut keinen Sinn, was für uns wiederum den perfekten Sinn macht. Für uns passte der Titel einfach besser als ein Titel, der nur aus einem Wort besteht und das Album zusammenfasst, das passte einfach nicht zu uns.

Ich finde es ganz interessant, weil das Wort ?Knights? ja gesprochen zwei verschiedene Bedeutungen hat, einmal die Nacht und dann der Ritter.
Ben Einziger: Wir meinten es aber so, wie es geschrieben ist, also die Typen mit Rüstung und so. Es ist sehr ironisch, ich weiss noch nicht mal, ob es in Paris Ritter gibt und warum sie dreckig und sexy sind. Wir haben in Paris nach Rittern gesucht und wollten mit ihnen Strip-Poker spielen. Wir mussten dann aber alleine Strip-Poker spielen. Nur wir. Nackt.

In der Bandinfo auf eurer Homepage steht, dass ihr den Rock´n Roll wieder zurückbringen wollt. In Anbetracht der Tatsache, dass das schon viele andere Bands vorher gesagt haben, stellt sich für mich die Frage, was ihr anders machen wollt?
Ben Einziger: Wir wollen nicht unbedingt den Rock´n Roll zurückbringen. Was Jason damit meinte ist eher das Gefühl, das Rock´n Roll früher erzeugte. Wir wollen nicht den Sound des 60´s/70´s Rock wieder aufleben lassen. Wir meinen damit das Gefühl, die Tiefe und das Herz, was die Musik damals hatte. Es war nicht so wie heute, ein Song im Radioformat und der Rest halt Albumtracks. Früher war es von Anfang bis Ende eine Geschichte und du musstest dir die ganze Geschichte anhören, um es zu verstehen. Für uns haben diese Bands wie Led Zeppelin, The Beatles oder
Jimi Hendrix sehr viel Tiefe und Inhalt, es ist so real.
Paul Fried: Diese Bands sind einfach unglaublich, man hört ihre Musik und man denkt nur: Wow, wie ist es möglich, so einen guten Song zu schreiben? Und wenn man sich eine Band heutzutage anschaut, egal welche, es ist einfach keine Vergleich, das Gefühl wenn du eine Band live siehstist so anders als früher.
Ben Einziger: Es gibt sehr viele großartige Bands heutzutage, die ehrlich zu sich selbst sind und die ich sehr respektiere und ich denke, dass diese Bands mithelfen, dieses Gefühl wieder aufleben zu lassen.
Aber viele schaffen das halt nicht. Ich hab diese Harte-Typen-Einstellung einiger Bands so satt, die sind ja so verdammt wütend, angepisst und wild und diese Einstellung wurde sehr durch die NuMetalSzene angetrieben. Wir wollen einfach mehr ehrliche und echte Musik zurückhaben und weniger diese ausgeklügelte Image-Scheisse.

Ihr habt ja mal eine Gruppentherapie gemacht, um die Kommunikation innerhalb der Band zu verbessern. Was habt ihr dabei gelernt?
Paul Fried: Wir haben gelernt in einer netteren Art und Weise miteinander zu reden, wenn dich etwas nervt oder ärgert. Anstatt zu sagen: Ben, du verfickte Nervensäge!, ohne eine weitere Erklärung mehr abzugeben, warum du genervt oder verärgert bist, kann man auch sagen: Ben, meine Gefühle
wurden verletzt, als du das und das gemacht hast. In vielen Bands gehen sich die Leute irgendwann gegenseitig auf die Nerven oder pupen sich an, denn man hockt immer zusammen und ist sich sehr nah. Wir haben durch diese Gruppentherapie einfach gelernt, eine schöne Zeit zusammen zu haben.
Ben Einziger: Ich denke mindestens 98% der Streitereien innerhalb einer Band basieren auf mangelnder Kommunikation und mangelndem Verständnis, genauso wie in einer Beziehung. In einer Band zu spielen ist wie drei Freundinnen zu haben, jeder in der Band hat Emotionen, jeder hat mal Probleme. Genau wie in einer Beziehung ? nur dass wir keinen Sex haben!

Ausser in dieser einen Nacht in Paris!
Ben Einziger: Ja, mit dreckigen Rittern!
Paul Fried: Aber wir sind nicht schwul!
Ben Einziger: Doch, sind wir, hör auf zu lügen! Also, wie ich schon sagte, eine Band ist wie eine Beziehung und viele schlucken einfach ihren Ärger und ihren Frust runter und lassen es irgendwann explodieren.
Wir reden gleich darüber und schaffend das Problem aus der Welt und zwar auf einer hilfreichen und positiven Art und Weise. Die Tatsache, dass wir bei diesem Therapeuten waren, fanden einige Leute
uncool und sie sagten, dass das nicht Rock´n Roll sei. Aber wir scheissen auf deren Auffassung von Rock´n Roll, Rock´n Roll ist das, was du draus machst.
Paul Fried: Die Leute sollen doch denken, was sie wollen. Wir wollen einfach eine schöne und glückliche Zeit zusammen haben.

Das ist eine tolle Einstellung, vielleicht sollten das
andere Bands auch mal überdenken.

Ben Einziger: Dafür muss man aber nicht in einer Band sein, so eine Therapie ist für jeden gut. Man lernt sich selber besser kennen und die Leute, die um einen sind. Es kann einem nur helfen.

Ihr habt die nächste Frage bestimmt schon oft gehört: Hat
die Tatsache, dass euer Sänger Jason der Bruder von Brandon Boyd von Incubus ist und du, Ben, der Bruder vom Incubus-Gitarristen Mike Einziger euch mehr die Toren geöffnet oder mehr Schwierigkeiten gebracht? Musstet Ihr Euch zum Beispiel mit dem Vorurteil beschäftigen, dass AUDIOVENT nur deshalb so erfolgreich ist?

Paul Fried: Ich glaub nicht, dass uns das viele Vorurteile entgegenbrachte. Wenn die Leute uns hören und uns live sehen, merken sie, dass da ein Unterschied ist.
Ben Einziger: Natürlich gibt es viele Leute, die auf uns aufmerksam wurden aufgrund unserer familiären Konstellation mit Incubus. Es gibt auch viele Leute, die uns deswegen abwertend betrachten. Besonders bei der Musikpresse ist uns aber sehr positiv aufgefallen, dass sie uns als Individuen betrachten. Sie wissen zwar, dass einige von uns die Brüder von Incubus-Leuten sind, wissen aber auch, dass wir zwei verschiedene Bands sind und verschiedene Musik machen. Es ist sehr wichtig, dass die Leute wissen, dass wir das Ganze hier völlig selbstständig auf die Beine gestellt haben und wir nicht den Erfolg von Incubus ausnutzen. Alles was wir für uns haben, ist unsere Integrität und deshalb machen wir das
alles allein.
Paul Fried: Trotzdem werden wir in Deutschland immer auf MTV gespielt. Von morgens bis abends. Stimmt doch , oder? Und David Hasselhoff auch. Der spielt übrigens heute abend bei uns im Vorprogramm!

Ist David Hasselhoff denn überhaupt schon aus der Betty Ford Klinik entlassen worden?
Ben Einziger: Eigentlich spielt er ja bei uns in der Band.
Paul Fried: Ja, er hat seine niedlichen rosa Shorts an und singt bei einigen unserer Songs den Background-Gesang.

Und als Zugabe singt er ?Looking For Freedom?, oder?
Ben Einziger: Genau, und wenn er richtig gut singt, spielen wir mit ihm ne Runde Strip-Poker. Was lachst du denn so, ich meine das ernst! Schade, im Moment hat er keine Zeit, weil er ja Baywatch dreht, sonst
könntest du ihn fragen. Ich vermisse dich so, David...

Warum ist das Release eures Albums ?Dirty Sexy Knights in Paris? erst so spät, in Europa erscheint es glaub ich erst im Februar 2003?
Ben Einziger: Ich hoffe ich sag jetzt nichts falsches, aber ich meine wir haben das schon vorgezogen auf November 2002. Der ursprüngliche Termin für Europa war so spät, weil wir eigentlich nur ein paar kleine
Clubshows in Europa spielen wollten. Dann hat es sich aber ergeben, dass wir 5 Shows im Vorprogramm von The Lost Prophets spielen konnten und dass war echt cool, sehr nette Jungs. Und wir haben hier in Europa bisher sehr gute Reaktionen der Fans bekommen, die sind teils echt ausgerastet vor der Bühne. Deswegen haben wir den Termin dann auch vorgezogen.
Wir wollen auch gern nächstes Jahr wiederkommen und vielleicht im Februar/März eine große Tour durch Europa zu machen.

Werden wir euch auf irgendeinem großen europäischen
Festival nächstes Jahr sehen?

Ben Einziger: Das wollen wir doch schwer hoffen! Das wäre sehr cool auf einem großen Festival in Europa zu spielen. Wir kommen auf alle Fälle nächstes Jahr wieder.

Was bedeutet AUDIOVENT für euch?
Ben Einziger: Im Prinzip genau das wortwörtliche, Audio-Ventil. Wir lassen in unserer Musik einfach alles aus uns raus und das kann man hören.
Paul Fried: Für mich bedeutet AUDIOVENT folgendes: Vier Typen, vier richtig gute Freunde, die zusammen Musik machen.

Wo seht ihr AUDIOVENT in 10 Jahren?
Ben Einziger: Ne Headliner-Show im ausverkauften Madison Square Garden spielen!
Paul Fried: Rich, you know, Bitches and Stuff!
Ben Einziger: Man, keine Ahnung, ich hoffe wir sind in 10 Jahren immer noch glücklich, vielleicht sogar glücklicher als wir es heute schon sind. Glücklichsein ist sowieso das wichtigste überhaupt im Leben.

OK, vielen Dank für das Interview!



INTERVIEW:
Sabine

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