Konzertbericht

VÖLLEGEFÜHL IN TEMPELHOF

BERLIN FESTIVAL
10.09. - 11.09.2010, Berlin, Flughafen Tempelhof

Es war gegen 02:45 Uhr in der Nacht vom Freitag auf Samstag, als das Gedränge vor dem Einlass zur Hangarbühne so groß wurde, dass Veranstalter und Polizei keine Alternative sahen, als das Programm des Berlin Festivals an diesem Festivaltag abzubrechen.

Sensibilisiert durch Duisburg, mag man diese Entscheidung für richtig halten. Ebenso richtig und gerechtfertigt ist aber der Zorn und das Unverständnis der Festivalbesucher über den Abbruch des Programms.

Denn: Die Überlegung, Publikumsmagneten wie 2manydjs und Fatboy Slim am Freitagabend in einer zuschauerbeschränkten Bühne auftreten zu lassen, während die Hauptbühne bereits nicht mehr bespielt wird (genauer: aufgrund von Lärmauflagen werden darf), kann nur als organisatorische Naivität bezeichnet werden.

Doch gehen wir ein paar Stunden zurück. Es ist Freitagnachmittag und bei angenehmen Spätsommerwetter bezirzen die isländischen Damen von Amiina mit Geigen und singender Säge das verzückte, aber noch spärliche Publikum. Kurze Zeit später bringen die Blood Red Shoes das Blut ein wenig mehr in Wallung – die Mädchen recken begeistert ihre Fäuste in die Luft.

Im Anschluss folgt der Abgesang auf Adam Green, den der Künstler höchstpersönlich vorträgt. Offensichtlich betrunken turnt er vor einer lustlos spielenden Band sein Programm in den frühen Abend, sucht beim andauernden Crowdsufing den Kontakt zu den Fans und wartet nur mit einem wirklichen, skurrilen Höhepunkt auf: einem Duett mit Macaulay Culkin (!) zu „Wind of Change" (!!).

Ernsthafter und besser wird es später mit LCD Soundsystem und Robyn, bevor die Editors zu Feuerfontänen ihr Programm eröffnen und mit einem abwechslungsreichen Set das Programm der Hauptbühne beenden.

Derweil lassen Fever Ray bereits mit ihren Bässen die Hangarbühne dröhnen und zelebrieren ihren Auftritt mit viel Nebel, einer Lasershow und schamanenartigen Kostümen inmitten einer Stehlampeninstallation. Sehr cool.

Aber schon während Fever Ray kurz vor Mitternacht spielen, ist der Zugang zur Hangarbühne bereits beschränkt und die Ordner müssen die anströmende Menge im Zaum halten. Die weitere Entwicklung der Situation an den Einlass-Schleusen ist bekannt und für viele Fans enttäuschend.

Der Samstag steht im Zeichen von Katerstimmung nach dem nächtlichen Abbruch. Das Programm ist bis 23 Uhr terminiert, zahlreiche Slots verschoben, die Sets teilweise verkürzt.

Dem Sänger von Gang of Four ist das offensichtlich egal. Der hat sich vor dem Auftritt ordentlich was genehmigt und schwelgt mit viel Elan in alten Zeiten. Sehr viel reinlicher wirkt dagegen die Frontfrau von Lali Puna, die allerdings wie schon Gang of Four mit Sound- und technischen Problemen zu kämpfen haben.

Das vielleicht beste Konzert des Festivals spielt im Anschluss Chilly Gonzales, der am Piano in Begleitung von zwei Schlagzeugen und einem weiteren Piano seine großartigen Entertainerqualitäten ausspielt. Seine Mischung aus Piano-Elektro-Pop-Rap endet in einer großartigen Synthesizer-Version von „Hotel California". Hut ab.

Am Samstagabend stellen Boyznoize das ausgehungerte Rave-Publikum zufrieden und Hot Chip werden dem Headlinerstatus des Tages in einem hohen Maße gerecht. Als die Jungs der Dönerbude mit ihrem Chef vor dem Dönerspieß zu „Over and Over" tanzen und die aufblasbaren Luftgitarren schwenken, da, ja da entsteht auch so etwas wie ein Festivalmoment, an den man sich erinnern möchte.

BERICHT: Henning

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