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ONLY CRIME IST KEIN NEBENPROJEKTONLY CRIME |
Für die Mitglieder von Good Riddance scheint es mittlerweile in Mode gekommen zu sein, sich in Nebenprojekten zu tummeln. Moment mal! Only Crime sind doch kein Nebenprojekt, sondern eine komplette Band, und zwar eine verdammt gute! Darauf legt Frontmann Russ Rankin hohen Wert, was er uns auf der Deconstruction Tour im Rahmen eines ausgiebigen Gespräches unter anderem verdeutlichte.
Seit einigen Monaten ist nun euer Debüt-Album ?To The Nines? auf dem Markt. Zwischenzeitlich habt ihr auf der Vans Warped Tour gespielt, jetzt seid ihr bei der Deconstruction Tour mit von der Partie. In Anbetracht dieser relativ jungen Karriere startet ihr durch wie das warme Messer durch die Butter?
Russ: Es ist ziemlich cool. Wir touren mehr als wir uns eigentlich vorgestellt haben. Am Anfang, als wir noch nicht einmal unser Album veröffentlicht hatten, spielten wir einige Konzerte mit den Dropkick Murphys, dann kam die Warped Tour, anschließend waren wir mit Avail unterwegs, dann mit Strung Out, dann mit Rise Against, und dann ging es mit Lag Wagon nach Japan. Das ist schon ziemlich verrückt. Aber nach der Deconstruction Tour treten wir definitiv kürzer und konzentrieren uns auf ein neues Album.
Aus welchen Gründen hast du eigentlich Only Crime ins Leben gerufen?
Russ: Dafür gibt es viele Gründe. Ich habe mit Chuck und Luke mittlerweile zwölf Jahre lang in Good Riddance gespielt, und beide hatten bereits andere Bands am Start. Chuck?s Band heißt I Want Out, und Luke spielt in Outlie. Ich verspürte irgendwie den Drang, einmal wieder mit anderen Menschen Musik zu machen. Außerdem waren Good Riddance ständig auf Tour, aber plötzlich mussten wir uns einschränken, weil Chuck einen sehr lukrativen Job bekommen, geheiratet und einen Sohn bekommen hat. Dazu kommt noch, dass Luke wieder die Schulbank drückt, also konnten wir mit Good Riddance nicht mehr ausgiebig auf Tour gehen. Damit war ich nicht zufrieden, also suchte ich mir einige Leute aus mir bekannten Bands, um einfach einmal auszutesten wie es ist, mit fremden Musikern etwas auf die Beine zu stellen. Als damals Bane und Good Riddance gemeinsam auf Tour waren, haben Aaron und ich uns angefreundet und beschlossen, eine Band zu gründen. Und so ging es mit Only Crime los.
Habt ihr euch damals schon vorgenommen, eine ?echte? Band zu gründen, die mehr als nur ein Album veröffentlicht?
Russ: Davon sind wir immer ausgegangen. Außenstehende haben uns immer als ein Nebenprojekt gesehen, aber innerhalb der Band war allen klar, dass Only Crime eine ernst gemeinte Angelegenheit ist. Jeder von uns hat zwar seine eigenen Verpflichtungen, Bane sind im Moment sehr beschäftigt, von Good Riddance wird auch wieder mehr zu hören sein, Bill hat im Studio alle Hände voll zu tun ? über mangelnde Arbeit können wir uns wirklich nicht beklagen, zumal wir alle in unterschiedlichen Staaten leben. Deswegen kann Only Crime keine Vollzeit-Band sein, wir nehmen sie aber so ernst wie möglich. Was uns auch sehr überzeugte war die Tatsache, dass ich vor der offiziellen Gründung auf der einen Seite von den musikalischen Fertigkeiten der einzelnen Mitglieder überzeugt war, andererseits niemand die anderen bis dato persönlich getroffen hat. Alle verstanden sich auf Anhieb und wurden schnell Freunde, was mich ziemlich überraschte und freute. Seitdem zweifle ich kein Stück an der Ernsthaftigkeit von Only Crime.
Was habt ihr euch bei dem Bandnamen gedacht?
Russ: Im Grunde nichts Spezielles. Wir hatten von vorn herein einen langen Bandnamen mit fünf oder sechs Wörtern ausgeschlossen, am besten nur eines oder zwei, die man sich leicht einprägen kann. Und der Name sollte ein wenig düster klingen, ohne jedoch auf die satanische Schiene abzudriften. Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden.
Würdest du bestätigen, dass es für euch als neue Band wesentlich einfacher war, einen gewissen Bekanntheitsgrad zu erreichen, als für eine junge Formation, die sich emsig bei Plattenfirmen bewirbt?
Russ: Ja, wir hatten auf jeden Fall einige Vorteile genossen. Es war nicht so, dass mit einem Anruf alles gebucht war, allerdings hatte die Besetzung schon einen gehörigen Einfluss auf die Karriere. Bei uns hatten sich bereits Plattenfirmen gemeldet, als wir noch nicht einmal einen Bandnamen hatten. Bekannte Bands wollten mit uns touren, wie eingangs gesagt, wir haben mit den Dropkick Murphys einige Konzerte gespielt, ohne überhaupt ein Album veröffentlicht zu haben. Der Deal mit Fat Wreck Chords war absehbar, denn Bill und ich hatten bekannter Weise zuvor mit denen schon viel zu tun, und als es dann durchsickerte, dass Bill und ich eine Band im Visier haben, wollten die Verantwortlichen bei Fat Wreck gerne unsere Songs hören. Unsere bisherigen Aktivitäten in der Musikszene und unsere Kontakte haben und schon sehr geholfen. Schön, dass alles so geklappt hat, wir halten uns jedoch nicht für Überflieger. Als wir mit Rise Against unterwegs waren, hatten wir als allererste von vier Bands gespielt. Sowas macht uns überhaupt nichts aus.
Ging es dir irgendwann einmal zu fix? Ich meine, Plattenfirmen reißen sich um eine Band, die es noch nicht einmal offiziell gibt?
Russ: Schon komisch?Irgendwann erscheint die Nachricht über eine Zusammenarbeit von Bill und mir im Internet, und schon klopfen die Labels an. Meiner Meinung nach ist Fat Wreck die optimale Heimat, denn ich kenne den Laden jetzt so viele Jahre, und sie haben Good Riddance stets super behandelt. Als Fat Wreck sich bei und meldete, war die Entscheidung äußerst leicht.
Das leuchtet ein. War es ebenso vorprogrammiert, dass ihr ?To The Nines? im Blasting Room aufnehmt?
Russ: Auf jeden Fall, denn ich bin der Ansicht, dass der Blasting Room das beste Studio überhaupt ist. Und ich spreche aus Erfahrung, denn mit Good Riddance habe ich dort die letzten vier Alben aufgenommen.
Wir können wir uns die Arbeit in Only Crime vorstellen?
Russ: Ursprünglich haben Zac, Bill und ich uns im Blasting Room getroffen. Ich spielte Gitarre, Zac spielte Gitarre, und jeder von uns hatte einen Haufen Songs im Gepäck. Gemeinsam mit Bill hatten wir eine Woche lang an den Songs gearbeitet und heraus kam ein Demotape ohne Gesang, das wir Aaron geschickt haben, der leider nicht anwesend sein konnte, weil er mit Bane unterwegs war. Also hat Aaron die Songs dann gelernt. Im Grunde entsprangen die Songs für ?To The Nines? aus der Feder von Zac und mir. Jetzt, wo wir uns musikalisch mehr aufeinander eingeschossen haben, gehe ich davon aus, dass unser nächstes Album auf einer wesentlich breiteren Zusammenarbeit basiert. Ich werde sicher einen Großteil der Texte schreiben, aber was die Musik betrifft, so wird jeder seine eigenen Ideen einbringen. Wenn ich mich in Only Crime umsehe, dann entdecke ich gestandene Musiker, die das Potential zum Songwriter ohne Zweifel besitzen. Ich bin wirklich gespannt, was am Ende dabei herauskommt, nur eines steht fest: Es wird auf jeden Fall ein Kracher!
War es einfach, musikalisch gesehen die Chemie stimmen zu lassen?
Russ: Zu Beginn hatten wir natürlich eine Vision. Wir wollten in die Black Flag-Richtung gehen, nur sollten die Songs ein wenig kürzer und melodischer ausfallen. Es sollte harte Musik sein, aber auf keinen Fall Metal. Schön groovig, so wie einst Black Sabbath, und das kombiniert mit einem melodischen Gesang, den es bei Black Flag nicht gab. In diesen Punkten waren wir uns alle einig. Herauskommen sollte Musik, die den Hörern ein ungemütliches Gefühl vermittelt, die ihnen den Wunsch entlockt, Dinge zu zerstören. Versteh? mich nicht falsch: Kein Tough Guy-Kram. Weiß du, wenn ich Black Flag höre, dann kann ich mich einfach nicht gemütlich zurücklehnen und entspannen.
Hattest du jemals die Ambition, musikalisch in eine andere Richtung zu gehen, zum Beispiel deine Emo- oder Popmusik-Neigungen zu entdecken?
Russ: Ich denke, dass in Only Crime eine Menge Gefühl für Popmusik steckt. Ich habe schon für Good Riddance jede Menge eingängige Refrains geschrieben, und das ist bei Only Crime auch nicht anders, wenn man Songs wie ?Real Enemy? oder ?Sedated? betrachtet. Diese Songs besitzen auch einen starken Refrain, aber es ist nicht unser Anliegen, schöne Pop-Nummern zu schreiben. Wir möchten mit interessanten Songs den musikalischen Horizont erweitern, versuchen jedoch zu vermeiden, dass die Leute unsere Musik nicht mehr verstehen. So wie zum Beispiel Fugazi, die sehr interessante Songs schreiben, ohne vollkommen ungreifbar oder abgefahren zu klingen. Und an unserem Debüt haben wir nur zu dritt gearbeitet. Ich bin schon gespannt wie es sich anhört, wenn jedes einzelne Bandmitglied in den Songwriting-Prozess mit einbezogen wird. Es wird dann so aussehen, dass wir uns alle im Blasting Room in Ft. Collins für sieben bis zehn Tage treffen und zehn Stunden pro Tag proben. Das ist verrückt.
Klingt auf jeden Fall nach harter Arbeit. Fiel es dir denn in der letzten Zeit leichter, Songs für Only Crime zu schreiben als für Good Riddance?
Russ: Auf jeden Fall anders! Bei Good Riddance sah es so aus, dass ich die Songs grundsätzlich auf der Gitarre vorbereitet habe, Luke ein wenig daran herumgefeilt hat und ich darauf dann meinen Gesang bastelte. Zum Proben konnte ich dann fast die fertigen Songs vorlegen, und jeder konnte sie einstudieren. So konnte es bei Only Crime nicht klappen, denn obwohl Zac und ich die Songs mehr oder weniger fertig hatten, wurden im Nachhinein noch zahlreiche Elemente verändert. Jeder hatte das Recht, mögliche Änderungen vorzuschlagen, was die gesamte Zusammenarbeit wesentlich offener gestaltete. Es ist durchaus vorgekommen, dass ich von einem Song überzeugt war, die anderen ihn in meinen Augen aber zerpflückten und umgestalteten. Zuerst dachte ich. ?Hey, das ist mein Song!? Wenn dir jedoch vier Leute auf einmal erklären, dass die diese oder jene Passage anders besser anhört, dann wäre ich doch schön blöd, wenn ich diese Ratschläge ignoriere. Was die Texte betrifft, so habe ich in Only Crime darauf geachtet, dass sie mehr Raum für Interpretationen lassen. In Good Riddance habe ich das Kind stets direkt beim Namen genannt.
Vom Artwork her sieht ?To The Nines? aus wie eine Ermittlungsakte. Birgt dies auch eine Form unterschwelliger Kritik an der Polizei oder den Geheimdiensten?
Russ: So weit sind wir nicht gegangen. Ausgangspunkt war eher das Wort ?Crime? in unserem Bandnamen, und verantwortlich für die Umsetzung war Pete, der bei Bane Bass spielt und nebenbei ein ausgezeichneter Grafiker ist. Er kam mit diesem Layout bei uns an, und wir waren auf der Stelle begeistert. Es macht einen düsteren und verdächtigen Eindruck.
Deine Texte sind stets sehr kritisch gegenüber Politik und Gesellschaft. Konntest du im Laufe deiner Karriere positive Entwicklungen feststellen?
Russ: Zuerst einmal sei erwähnt, dass Only Crime keine politische Band ist. Ich habe mit Good Riddance erlebt wie es ist, wenn man erst einmal einen Stempel aufgedrückt bekommen hat. Jeder erwartet immer Songs mit politischen Texten, und wir werden immer eine politische Band bleiben, auch wenn ich über etwas ganz triviales singe. Die Leute haben es schlicht so im Kopf, und da kommt man nicht mehr heraus.
Also könnte eure nächste Platte auch voller belangloser Chartmusik sein?
Russ: Genau, dann wären wir immer noch eine politische Band! Eigentlich ist es so, dass ich von den politischen Ansichten her die treibende Kraft in Good Riddance war. Wenn Luke sich dann mit jemandem unterhalten hat, wurde es automatisch auch als politisch kritisch eingestuft, was in der Intensität aber nicht der Realität entspricht. Jeder wird über einen Kamm geschoren. Hätte ich das vorher gewusst, dann wäre ich schon bei Good Riddance weniger militant an die Sache herangegangen. Deswegen halte ich es bei Only Crime mit den Aussagen wesentlich lockerer, um meine Band nicht sofort wieder abstempeln zu lassen. Ansonsten werde folglich in Interviews wieder fast ausschließlich nach meiner politischen Meinung gefragt, und kann nur am Rande über Musik und Gefühle sprechen, was ich als viel wichtiger erachte. Mit Only Crime fächern wir die Reaktionen der Fans breiter. Du kannst fünf Leuten ?To The Nines? vorspielen, und jeder wird anders auf die Songs reagieren.
Angesichts der Tatsache, dass du kein Nachwuchs-Musiker mehr bist, der die große Kohle vor Augen hat, woher nimmst du die Energie, eine neue Band zu starten, also quasi bei Null wieder anzufangen?
Russ: Ich wollte die Gelegenheit, etwas anderes zu machen, einfach beim Schopfe packen, neue Leute um mich herum haben. Wie schon gesagt, ich habe viele Jahre in der selben Band gespielt. Ich liebe Good Riddance, und wir sind weit davon entfernt, dieses Kind zu Grabe zu tragen. Ich hatte bloß Lust auf neue Leute, mit denen ich Musik machen konnte. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Bill mitmachen wollte. Ich meine, Aaron und Zac sind hervorragende und anerkannte Musiker, aber ein Bill Stevenson?auf einmal nahm die Sache ganz andere Dimensionen an. Das machte mich zutiefst neugierig, denn Bill ist der beste Schlagzeuger, den ich kenne, und er hatte genau die selbe Vorstellung von Only Crimes Stilrichtung. Bevor er bei Blag Flag spielte, waren sie seine absolute Lieblingsband. Als er dann am Schlagzeug saß, sollten die Songs dann immer langsamer und komplizierter werden. Dabei wollte Bill gerne solch aggressive Kracher spielen, wie er sie von Black Flag kannte. In Only Crime konnte er diese Leidenschaft dann ausleben. Er ist ein feiner Kerl, der eine Menge über Musik weiß.
Was kommt in Sachen Only Crime in Zukunft auf uns zu? Du meintest, dass ihr schon fleißig an neuen Songs arbeitet.
Russ: Ja, wir sind in vollem Gange und planen, das neue Album Anfang 2006 aufzunehmen, so dass es eventuell im Mai oder Juni 2006 herauskommt.
Bis dahin können wir uns schon einmal auf das neue Werk freuen. Russ, vielen Dank für dieses Interview!
INTERVIEW: Jack

